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Lehrer-Rekord in Hessen

11.08.2008 - 13:48

Als Jürgen Banzer im November 2005 das Justizministerium von dem auf den Posten des CDU-Landtagsfraktionsvorsitzenden wechselnden Christean Wagner übernahm, wähnten viele den kleinen Mann mit dem stattlichen Körperumfang am Ziel. Wahrscheinlich hat sich der heute 53-Jährige damals selbst nicht ausgemalt, dass ihm ein weiterer beruflicher Höhepunkt noch bevorstehen sollte: Nach der Landtagswahl im Januar dieses Jahres vertraute Ministerpräsident Roland Koch seinem langjährigen Freund auch noch das Kultusministerium an, in dem Karin Wolff gerade nach einer Serie dramatischer Pannen und Fehlleistungen gescheitert war.


Eine Übergangslösung, dachten viele. Hauptsache Banzer macht nicht noch mehr kaputt, unkten andere. Das Gegenteil trat ein. Der Minister, der in seinem Justiz-Ressort bis dahin eher unauffällig gewirkt hatte, packte nach kurzer Einarbeitungszeit kräftig an: Schon für das neue Schuljahr – es hat vor vier Tagen begonnen – sollte es tiefgreifende Reformen geben. Weg mit der ärgerlichen Erfindung «Unterrichtsgarantie plus» (Oppositions-Spott: «Lernen mit Laien»), weg mit den Stress-Faktoren durch die Verkürzung der Gymnasialzeit um ein Jahr (G 8) für die Schüler, und her mit allem was Beine hat, um den latenten Lehrermangel endlich wirksam zu bekämpfen.


Beim letzten Punkt schrieb Banzer jetzt sogar Geschichte: Noch nie waren zu einem Schuljahresbeginn in Hessen so viele Lehrerstellen besetzt (98,2 Prozent) wie in diesem Jahr, wo lediglich 40 von 2200 zum Schuljahresbeginn benötigte Besetzungen offen geblieben sind.


Banzer, der vor 35 Jahren mit dem Abitur in Königstein seinen letzten aktiven Schulkontakt hatte, machte aus der Not des fehlenden Stallgeruchs in seiner neuen Umgebung eine Tugend. Getreu dem Motto: «Die Schulen wissen doch am besten, wie sie ihre Probleme lösen», verschieb er sich der Idee, an der Basis größtmögliche Autonomie walten zu lassen. So können nun Schulleiter ihre Vertretungspläne selbstständig gestalten, sich Lehrer aussuchen und sogar die Klassengrößen über die neuerdings verordnete Zahl von maximal 30 Schülern anheben, wenn es mal klemmen sollte.


Im Ministerium herrscht nach Aussagen von Betroffenen ein völlig anderer Geschäftston. Wo früher die ehemalige Lehrerin Karin Wolff Autorität versprühte und am Ende keinen Widerspruch gegen Entscheidungen mehr duldete, sitzt jetzt ein zuhörender Jürgen Banzer, der alle Einwände gelten lässt, bevor er sich dann festlegt.


Das ist nicht immer der bequemste Weg: Für seine massive Lehrer-Abwerbeaktion in den Nachbarländern sowie die Sammlung von Seiteneinsteigern für den Schuldienst gab es heftige Kritik. Erstere kam vor allem aus den Kultusministerien der Länder, aus denen Lehrer dem Lockruf des Geldes nach Hessen gefolgt waren. Gegen die Umschulung von Übersetzern, Mathematikern und Physikern machten dagegen Gewerkschaften und Landeselternbeirat Front. Immerhin umfasst die Aufstellung (Ministeriums-interne Bezeichnung: «Banzer-Liste») inzwischen 2200 Namen, mit denen sich die Situation auf dem hessischen Lehrermarkt weiter entspannen könnte.


Banzer, der vom politischen Schicksal ganz unfreiwillig zum Bildungs-Visionär gemacht wurde, denkt aber schon weiter: Dass die fünften und sechsten Klassen von Haupt- und Realschule demnächst zusammen lernen könnten, um die jeweiligen individuellen Fähigkeiten besser herausarbeiten zu können. Oder an eine zukunftsfähige Form der Ganztagsschule, von der man heute noch gar nicht wisse, wie sie aussehen solle. «In dem Thema ist Musik», sagt der Kultusminister und man merkt, dass er da gerne weiterdirigieren würde.

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